S t u d i u m o d e r L e h r e?
- eine Entscheidungshilfe -
Übersicht:
Einleitung in das Thema
Entscheidung nach D a u e r
Entscheidung nach L e r n o r t u n d L e r n i n h a lt e
Entscheidung nach K o s t e n
Entscheidung nach P e r s ö n l i c h e L e r n n e i g u n g e n
Entscheidung nach B e r u f s e i n s t i e g u n d K a r r i e r e c h a n c e n
Fazit
E i n l e i t u n g i n d a s T h e m a
Mit dem Abiturabschluss eröffnen sich zwei Bildungswege in die spätere berufliche Karriere: sowohl das akademische Studium als auch die berufliche Lehre oder, präziser gesagt, die duale Ausbildung. Ein Privileg, dass von vielen Abiturientinnen und Abiturienten (aber auch ihren Eltern) meist gar nicht als solches wahrgenommen wird. Die Mehrzahl möchte nach dem hart erkämpften Abitur natürlich studieren. Das ist auch richtig so, denn historisch betrachtet, war eine Lehre eigentlich nur für Jugendliche mit Haupt- oder Realschulabschluss vorgesehen. Heute aber sind die beruflichen Anforderungen in vielen Branchen so komplex geworden, dass Betriebe dazu neigen, ihre raren Ausbildungsplätze auch oder sogar in erster Linie mit Abiturienten zu besetzen. Das ist einer der Gründe, warum es für junge Menschen, insbesondere für diejenigen mit Hauptschulabschluss, immer schwieriger wird, einen Ausbildungsplatz zu bekommen.
Wer das Abitur in der Tasche hat, sollte sich dieses Privilegs also durchaus bewusst sein und sich objektiv, ohne Prestige-Denken, die Frage stellen, ob als Lernweg in den Beruf ein Studium oder eine duale Ausbildung geeigneter ist. Hierzu soll dieser Artikel Entscheidungshilfen liefern. Einschränkend sei hinzugefügt, dass dabei Berufswünsche in den Bereichen der Informationstechnologie (IT) und der Medien im Fokus stehen. Aber gerade in diesen relativ neuen Wirtschaftszweigen sind die Kompetenzanforderungen an die potenziell Auszubildenden so hochgeschraubt, dass Jugendliche mit Abi gegenüber denen mit Realschulabschluss bei der Bewerbung um einen Ausbildungsplatz große Wettbewerbsvorteile haben.
Im Folgenden werden wir die Frage nach Studium oder Lehre unter den Gesichtspunkten: Dauer, Lernort und Lerninhalte, Kosten, Lernneigungen sowie Berufseinstiegs- und Karrierechancen betrachten.
Sowohl eine berufliche Ausbildung, gemeint ist hier die klassische duale Ausbildung mit den Lernorten Betrieb und Berufsschule und Kammerabschluss, als auch das Studium mit dem heute üblichen berufsbefähigenden Bachelor-Abschuss, dauern in der Regel drei Jahre bzw. sechs Semester. Zu beachten ist, dass einerseits die duale Ausbildung bei Vorlage eines Abiturabschlusses in Ausnahmefällen auf zwei Jahre verkürzt werden kann, es andererseits aber nicht jeder schafft, sein Studium innerhalb von sechs Semestern abzuschließen. Eine akademische Ausbildung könnte also im schlechtesten Falle um Einiges länger dauern. Erwähnenswert ist auch, dass einige duale Ausbildungen, aber auch einige Bachelor-Studiengänge auf dreieinhalb Jahre angelegt sind.
In jedem Falle ist zu beachten, dass man sich für einen Ausbildungsplatz spätestens sechs Monate vor Beginn der Ausbildung bewerben sollte, denn diese sind zumindest im Medien Bereich rar gesät. Ausbildungen beginnen meist im Februar und im August. Bei der Wahl eines Studienganges sollte man sich genau über Zulassungsbeschränkungen (in Form eines Numerus Clausus - NC) informieren. Hier könnten Hürden auftauchen, die den Beginn eines Studiums stark verzögern
L e r n o r t u n d L e r n i n h a l t e
Duale berufliche Ausbildung
Wie das Wort dual andeutet, wird die duale Ausbildung durch zwei Lernorte bestimmt. Am Lernort Betrieb verbringt man ungefähr drei Viertel der Lernzeit, am Lernort Berufsschule das verbleibende Viertel. Der Lernort Betrieb muss von der zuständigen Kammer anerkannt sein. Dort erlernt man die zur Ausübung des späteren Berufes erforderlichen praktischen Kenntnisse, Fertigkeiten, Arbeitsmethoden und -prozesse. Darüber hinaus erwirbt man die für die Arbeitswelt erforderlichen Sozialkompetenzen und knüpft erste Kundenkontakte. Am Lernort Berufsschule werden allgemeine, berufsübergreifende Bildungselemente und die erforderlichen fachtheoretischen Kenntnisse vermittelt.
Von Vorteil ist, dass die Inhalte der betrieblichen Ausbildung in der Regel den aktuellenberuflichen Anforderungen entsprechen. Als nachteilig empfinden manche, dass sich die Berufsschulen zu sehr an die zentral von der Kultusministerkonferenz entwickelten Rahmenlernpläne halten (müssen). Da diese nur sporadisch überarbeitet werden, entsprechen sie teils nicht den jeweiligen betrieblichen Kompetenzanforderungen. Dies gilt besonders für die Ausbildungsberufe der Medien- und IT-Branche mit ihren sehr hohen Innovationsgeschwindigkeiten.
So wird beispielsweise bei der Ausbildung der Kaufleute für Marketingkommunikation von den Unternehmen der digitalen Wirtschaft oft bemängelt, dass die Rahmenlehrpläne den neuen, aber sehr schnell wachsenden Sektor Online-Marketing, bislang nur unzulänglich berücksichtigen. Bei der Fachinformatiker-Ausbildung hört man immer öfter die Klage, dass an den Berufsschulen veraltete Versionen von Programmiersprachen gelehrt werden.
Im Großen und Ganzen sollten diese Defizite jedoch durch die Ausbildung am Lernort Betrieb aufgefangen werden. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass eine duale Ausbildung eine sehr gute Vorbereitung auf die späteren beruflichen Anforderungen beinhaltet. Eine mögliche Einschränkung kann sein, dass sie u. U. zu unternehmensspezifisch angelegt ist.
Studium
Das Studium findet an einer Universität oder Hochschule für Angewandte Wissenschaften (früher Fachhochschule) statt. (Auch wenn die Zahl privater Hochschulen stark zunimmt, beschränken wir uns hier auf staatliche Hochschulen.) Im Zusammenhang mit der Umstellung vom Diplom zum Bachelor-Abschluss sind die Hochschulen dazu übergegangen, immer spezifischere Studiengangsbezeichnungen zu „erfinden“. Oft ist auf den ersten Blick kaum noch zu erkennen, welche genauen Lerninhalte sich hinter den phantasievollen Bezeichnungen verbergen. Man sollte sich also vorab genau erkundigen, welche Wissensinhalte eigentlich vermittelt werden und ob diese tatsächlich mit den eigenen Berufswünschen und Karrierezielen im Einklang stehen. Besuche von Hochschul-Informationsveranstaltungen sowie Gastvorlesungen oder Gespräche mit Studierenden sind deshalb dringend anzuraten. Aufgrund der stetig steigenden Zahl an Bewerbern weisen viele Studiengänge heute Zulassungsbeschränkungen auf. Auch diese sollten im Vorwege genauestens geprüft und mit dem Abi-Zeugnis abgeglichen werden.
Inhaltlich sind Bachelor-Studiengänge nicht so sehr auf die späteren beruflichen Anforderungen ausgerichtet wie die duale Ausbildung. Im Vordergrund steht nach wie vor eine stärkere wissenschaftlich-theoretische Bildung. Studiert wird in (meist überfüllten) Hörsälen und Vorlesungsräumen, Laboren, Bibliotheken und natürlich zuhause. Das macht das Lernen etwas schwieriger, erhöht jedoch die Selbstdisziplin und befördert die heute sehr wichtige Fähigkeit, sich Neues selbst und möglichst schnell anzueignen. Die technische Ausstattung der Hochschulen ist bei knappen Mitteln nicht immer auf dem neuesten Stand. Das muss sie aber auch nicht sein, denn es sollen ja nicht kundenspezifische Anforderungen abgearbeitet, sondern Grundlagen vermittelt werden. Wer mit dieser Situation, die in der Regel ein hohes Maß an Eigenverantwortung voraussetzt, gut klar kommt, wird mit dem Vorteil belohnt, dass durch den Erwerb eines breiten Wissens und vielfältiger Qualifikationen eine höhere Flexibilität bei der späteren Wahl des Berufes erzielt wird. Ein duales Studium definiert sich durch die beiden Lernorte Betrieb und Hochschule. Es verbindet also die Vorteile einer dualen Ausbildung mit denen eines akademischen Studiums. Da duale Studiengänge im Medien- und Informatik-Bereich von staatlichen Hochschulen aber kaum angeboten werden, sehen wir hier von einer Darstellung ab.
Hier ist die duale berufliche Ausbildung natürlich der klare Gewinner. Ob man eine monatliche Ausbildungsvergütung – und die beträgt, durchschnittlich über drei Jahre gerechnet, bei Fachinformatikern immerhin 794 Euro und bei Mediengestaltern Digital und Print sogar 854 Euro – erhält, oder, wie an den meisten Hochschulen üblich, eine Studiengebühr bezahlen muss, ist ein gewaltiger Unterschied. Daran ändern auch BAföG oder Studienkredite nicht viel, denn diese müssen später ganz oder zumindest zur Hälfte nebst Zinsen zurückgezahlt werden. Zudem erhält nicht jeder BAföG, denn dieses ist vom Einkommen der Eltern abhängig. Jugendliche in einer dualen Ausbildung, die nicht bei ihren Eltern wohnen, weil der Ausbildungsbetrieb vom Elternhaus zu weit entfernt ist, können darüber hinaus bei der Agentur für Arbeit eine Berufsausbildungsbeihilfe (BAB) beantragen. BAB ist ein reiner Zuschuss. Es besteht also keine spätere Rückzahlungsverpflichtung. Wer sich also schon möglichst bald nach dem Abi vom Elternhaus unabhängig machen oder zumindest einen kleinen finanziellen Freiraum schaffen möchte, sollte über eine duale Ausbildung als interessante Alternative zum Studium zumindest nachdenken.
P e r s ö n l i c h e L e r n n e i g u n g e n
Individuelle Lernneigungen sollten unbedingt in den Entscheidungsprozess zwischen Studium und Lehre einbezogen werden. Um diese zu definieren, sollte man sich selbst gegenüber so ehrlich wie möglich sein. Hilfreich ist es auch, die Eltern oder Freunde in den Analyseprozess einzubeziehen.
Die wohl wichtigste Voraussetzung für den erfolgreichen Abschluss eines Studiums ist die Fähigkeit, eigenständig und selbstständig lernen zu können. Dazu gehört eine gehörige Portion Selbstdisziplin, Organisationstalent und Durchhaltevermögen. Diese Grundvoraussetzung bietet aber den Vorteil, dass sich die Studienzeit deutlich flexibler gestalten lässt als eine duale Ausbildung.
Da ein Studium sehr viel theoretischer geprägt ist als eine berufliche Ausbildung, sollte zudem ein gewisses Maß an abstraktem Denkvermögen vorhanden sein. Das regelmäßige Schreiben von Hausarbeiten und letztendlich die Anfertigung der Bachelor-Abschlussarbeit setzen darüber hinaus Sprach-, Schreib- und Formulierungsvermögen voraus, was von vielen unterschätzt wird.
Medien-Studienfächer erfordern eine gestalterische und / oder kommunikative Veranlagung. Ein angehender Informatikstudent muss im Abi-Zeugnis nicht unbedingt eine 1 in Mathe vorweisen. Eine Begabung für oder zumindest Freude und Interesse an Mathematik und möglicherweise Physik sollte aber unbedingt vorhanden sein.
Wer diese Voraussetzungen mitbringt, für den ist ein Studium sicher der geeignete Bildungsweg. Wer sich lieber mit den praktischen Dingen des Lebens auseinandersetzt, eine möglichst geregelte Lernumgebung benötigt, um zum Ziel zu kommen und schon früh finanzielle Unabhängigkeit anstrebt, sollte es sich ganz genau überlegen, ob eine duale Ausbildung dem Studium nicht doch vorzuziehen ist.
B e r u f s e i n s t i e g u n d K a r r i e r e c h a n c e n
Wer eine Lehre anstatt eines Studiums wählt, ist nahezu immer früher fertig und verdient somit schneller sein eigenes Geld, denn mit einer dualen Ausbildung ist der erste Schritt ins Berufsleben bereits getan. Oft werden Jugendliche nach Bestehen der Kammerprüfung vom Ausbildungsbetrieb übernommen. Sollte dies nicht der Fall sein, wissen andere Unternehmen die praktischen Erfahrungen der ehemaligen Azubis meist zu schätzen und stellen sie gerne ein.
Den Absolventen einer Hochschule stehen die Berufswahl und der Einstieg in die berufliche Praxis in der Regel noch bevor. Oft folgt deshalb auf ein Studium erst einmal ein mehr oder weniger sinnvolles und meist schlecht bezahltes Praktikum. Aufgrund des breiter angelegten Studiums steht zwar ein größere Bandbreite an Berufen zur Verfügung, aber: „wer die Wahl hat, hat bekanntlich auch die Qual.“ Zudem geht es erst einmal darum, die Unternehmensleitung von den eigenen Qualifikationen zu überzeugen. Kommt es zu einer Einstellung, so werden Akademiker in der Regel vom Gehalt her höher eingestuft. Das muss aber nicht so sein. Gerade in den gestalterischen Medienberufen sind die Unterschiede der Einstiegsgehälter nicht besonders hoch. Hier kommt es in erster Linie darauf an, was man praktisch kann, und nicht wo man es erlernt hat. Bei Informatikberufen hingegen kann es einen erheblichen Unterschied machen, ob ein Universitätsabschluss oder ein Kammerabschluss vorzuweisen ist. Hier steht oft ein mehr wissenschaftlich geprägtes Arbeiten und hohe analytische Befähigungen im Vordergrund - Fertigkeiten und Fähigkeiten, auf die ein Studium um einiges besser vorbereitet als eine berufliche Ausbildung. Auch heute noch können bestimmte Unternehmenshierarchien nur mit einem Hochschulabschluss erreicht werden. Dies gilt insbesondere für bestimmte Positionen im öffentlichen Dienst und in Führungspositionen international agierender Großunternehmen und Konzerne. Titel und Status sowie das an der Hochschule erlernte eigenverantwortliche Handeln geben hier den Ausschlag. Aber auch hier gilt: Wer „nur“ einen beruflichen Abschluss hat, kann immer noch ein Studium oben drauf setzen – und viele Unternehmen sind vor dem Hintergrund des vorherrschenden Fachkräftemangels heute dazu bereit, bei echten Talenten die Kosten zu übernehmen. Besonders beliebt ist dabei die relativ neue Form des dualen Studiums.
Duale berufliche Ausbildungen gibt es traditionell nur in Deutschland, Österreich, der Schweiz und teilweise in Dänemark. In anderen Ländern ist diese Form der beruflichen Ausbildung kaum bekannt und genießt deshalb nicht den ausgezeichneten Ruf wie bei uns. Allen, die schon heute eine spätere berufliche Tätigkeit im Ausland planen, sei deshalb ein Studium angeraten, denn ein Bachelor-Abschluss zählt international bedeutend mehr als ein deutscher Kammerabschluss.
Rein statistisch gesehen ist das Arbeitslosigkeitsrisiko bei Akademikern am geringsten. Aufgewogen wird dies allerdings durch die Tatsache, dass in wirtschaftlich schlechten Zeiten Berufserfahrung mehr nachgefragt wird als theoretisches Fachwissen. Und letztendlich haben gerade in der noch jungen digitalen Medien- und IT-Branche findige und ehrgeizige Menschen auch oder gerade jüngeren Alters immer die Möglichkeit, ihr eigenes Unternehmen zu gründen und zum Erfolg zu führen – egal ob mit akademischem oder mit beruflichem Abschluss.
In jedem Falle sollte die Entscheidung, ob Studium oder Lehre, sorgfältig abgewogen, aber auch nicht zu lange hinausgezögert werden. Am besten trifft man die Entscheidung noch vor dem Abi. Einige ganz Clevere bewerben sich sowohl um einen Studienplatz, als auch einen Ausbildungsplatz – man weiß ja nie. Und sollte sich ein Studienbeginn aufgrund von Zulassungsbeschränkungen verzögern, ist man in einer dualen Ausbildung sicher sehr viel besser aufgehoben als beim Jobben.